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Judo und Dojo

Zum Judo gehört das Dojo und zum Dojo gehört das Judo.

Warum ist das so?

Das Dojo ist ein Ort, an dem man sich besonders benimmt. Es ist ein Ort der Stille, der Höflichkeit (Dojo - Etikette), der Leere und Schlichtheit, woraus innere Kraft, Sammlung, Hinwendung zu sich selbst und Zuwendung zum Mitmenschen erwachsen.

Das Dojo fordert in seinem So - Sein schon als 0rt dazu auf, sich auf eine Kultur der Stille, ferner auf eine Kultur des Zeithabens, des Füreinander - Zeit - haben einzulassen.

Das ist um so wichtiger, weil das Trainingsgerät im Judo ja nicht Böcke, Barren und Bälle sind - sondern Menschen als verletzbare Partner das unmittelbare Trainingsobjekt darstellen.

Judo im Sinne des Begründers Prof.  Jigoro Kano legt Wert auf ethische soziale Haltungen wie: gegenseitiges Helfen und Wachsen lassen, was sich mit der erforderlichen nervenschonenden und -stärkenden Gelassenheit und Rücksichtnahme verbindet (Prinzip: Aus der Ruhe kommt die Kraft, nicht aus der Hektik.)

Das Dojo ist ein Eignungsraum, in dem solche Haltungen gelehrt werden und ein entsprechender Geist zu Hause ist. Das nur olympische „Treppchendenken“ (,,Ich bin der Größte; ganz oben auf dem Siegerpodest!") ist mit dem Judo - Gedanken und der Dojo - Etikette nicht zu vereinbaren. Im Dojo ist jeder angenommen, der sich dort entsprechend einem „Füreinander - da - sein“ mitmenschlich benehmen will oder dieses dort mit Engagement erlernen möchte. Kräfte, die im Dojo geschult und entwickelt werden, werden mit nach draußen genommen in eine Welt, die an sich inzwischen längst Konträrem huldigt: 

-    Lärm, Hektik, Kurzlebigkeit

-    Kapital- und Technikvergötterung mit Absolutheitsanspruch

-    Ellenbogenmentalität gegenüber allem, was noch Umwelt ist,

-    Unterwerfung unter die Konsum-, Reklame- und Medienwelt, die diktiert, was ,,in" ist.

Die ,,modernen Diktatoren" arbeiten nicht mehr mit Gewalt und nicht mehr mit Daumendruck. Sie locken mit Süßlichkeiten, Süffigkeiten, Vergnügen, Nervenkitzel (statt Beruhigung), Zerstreuung (nicht: Sammlung), versprechen Glücksrausch - Erlebnisse, locken mit schnellen Lösungen, mit Glimmer und Glamour in allen Raffinessen, so dass die Menschen wie von selbst dem entgegenkommen, ja sogar diesen Unterjochern entgegeneilen, um ja nicht zu spät zu kommen und etwas zu verpassen.

Viele Menschen kommen heute schon gern zu diesen ,,modernen Diktatoren" und lassen sich - einen Zipfel am Glamour - Rocksaum erhaschend - ,,mit Vergnügen" verarschen. Das Klientel zu solchen Vergnügungen findet man durchgängig in allen Altersschichten: Kinder, Jugendliche, Erwachsene.

Solche Kinder und Jugendliche sind gefährdet, die nur die eine Welt kennen gelernt haben und mangels Alternative niemals auswählen konnten.

Manche Erwachsene bieten heute Kindern und Jugendlichen als Einführung in das Leben und die mitmenschliche Gemeinschaft allenfalls eine hoffnungslos einseitige Orientierung oder - ,,besser" noch - Orientierungslosigkeit an.

Große Teile der Erwachsenenwelt sind heute bereits ,,Medien - verarmt und -versaut" und so gut wie nicht mehr von Zeit - Ungeistern zu bewahren.

Wer das nicht glaubt und sich näher informieren will, wie bestimmte Formen des Sich - Vergnügens das menschliche Zusammenleben allmählich immer mehr beherrschen ...und wer wissen will, wie sich technischer Fortschritt nicht nur positiv auswirkt, der lese Bücher von Neil Postmann, z.B.:

-    ,,Wir amüsieren uns zu Tode" - Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie

-    ,,Das Technopol" - Die Macht der Technologie und die Entmündigung der Gesellschaft

-    ,,Das Verschwinden der Kindheit" - - Kindheit und elektronische Medien

-    ,,Die Verweigerung der Hörigkeit" - Lauter Einsprüche gegen die heimlichen Gesetzgeber unserer Zeit.

Mit Judo und Dojo kann die ,,gegenwärtige Welt" nicht abgeschafft werden. Hier bietet sich aber eine Möglichkeit zum Kennen lernen und Beschreiten anderer Erlebnisräume, wo man widerwärtige gegenwärtige Strömungen nicht mitmachen muss und diese im tätigen Sich - Benehmen (nicht bloß verbal! Kein Verlass ausschließlich auf Worte!) hinterfragt.

Judo im Dojo ist besonders für die charakterliche Ausformung von Kindern und Jugendlichen mehr praxisbezogen als theoretisch orientiert.

Bieten wir Kindern und Jugendlichen solche Räume der ,,Stille, Leere und Kontemplation" zur Einübung durch handelnden Umgang mit Mitmenschen an. Stellen wir uns als Erwachsene hier zur Verfügung und schaffen wir damit den für Kinder und Jugendliche notwendigen Orientierungsrahmen.

Machen wir uns aber nichts vor: Ein Dojo zu schaffen ist in unseren Tagen nicht einfach. Das liegt nicht unbedingt im Trend. Selbst wenn man den Sinn eines Dojo besonders genau und folgerichtig erklärt, wird es immer Menschen geben, die - je intensiver man erklärt - um so intensiver es nicht begreifen. Auf solche Menschen ist kaum zu setzen.

Es ist also schon nicht einfach, Kanos Gedanken zum Judo und dem dazugehörigen ,,Ort zum Studium des Weges" (= Dojo) in diesen Zeiten über Wasser zu halten, damit sie erhalten bleiben.

Rolf Hanning (4.DAN)